Die Photovoltaik-Branche erlebt 2026 eine historische Zäsur. Erstmals seit zwei Jahrzehnten zeichnet sich ein Rückgang der weltweiten Neuinstallationen ab – doch dieser Moment ist nicht als Krisenzeichen misszuverstehen. Vielmehr vollzieht sich ein fundamentaler Wandel: von der reinen Wachstums- zur Wertschöpfungsphase, vom Volumen- zum Qualitätswettbewerb. Dieser Artikel analysiert die aktuellen Marktverschiebungen, technologischen Neuausrichtungen und strategischen Chancen für Investoren, Installateure und Hausbesitzer.
1. Globale Marktentwicklung: Der erste Dämpfer nach 20 Jahren Rekordwachstum
Erstmals in der über 20-jährigen Beobachtungsgeschichte prognostizieren Analysten für 2026 einen Rückgang der globalen Photovoltaik-Neuinstallationen. Laut aktuellen Daten der chinesischen Photovoltaik-Industrie wird für 2026 mit einem leichten Rückgang auf 500 bis 667 Gigawatt gerechnet, nach etwa 580 Gigawatt im Vorjahr . Bloomberg New Energy Finance beziffert die Erwartung für 2026 auf 648 Gigawatt und spricht angesichts dieser Entwicklung vom möglichen Ende des „Photovoltaik-Hype-Wachstums“ . InfoLink Consulting geht sogar von einem Rückgang auf 529 bis 624 GW aus – dies wäre die erste negative Wachstumsrate seit der Jahrtausendwende .
Die Gründe für diese Trendwende sind vielfältig: Politische Unsicherheiten in wichtigen Märkten wie den USA, Netzengpässe und begrenzte Aufnahmekapazitäten in vielen Ländern, Marktsättigungseffekte in China nach Abschluss des 14. Fünfjahresplans sowie steigende Kosten durch eine dramatische Silberpreis-Rally, die die Produktion von Solarzellen verteuert .
Besonders deutlich zeigt sich die geografische Divergenz: Während Europa weitgehend stabil bleibt und Indien durch lokale Fertigungskapazitäten wächst, fallen die USA und Brasilien hinter den Erwartungen zurück. Erst ab 2027 wird wieder mit steigenden Zubauraten gerechnet, wobei die jährlichen Wachstumsraten mit prognostizierten drei Prozent deutlich moderater ausfallen dürften .
2. Deutschland: Marktnormalisierung nach den Boomjahren
Der deutsche Solarmarkt zeigt 2026 ein ähnliches Bild. „Ich gehe von einem normalen Jahr 2026 aus“, sagt Peter Knuth, Gründer des deutschlandweit aktiven Solaranbieters Enerix und Vorsitzender des Bundesverbandes des Solarhandwerks. „Wir können jetzt nicht mehr von den Absatzzahlen ausgehen, die wir in den Boomjahren hatten“ .
Besonders deutlich ist der Rückgang im Segment der privaten Einfamilienhäuser: Hier lag der Zubau 2025 rund 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau . Gleichzeitig gewinnen größere Freiflächen- und Gewerbeanlagen an Bedeutung. Dieser Strukturwandel zu größeren Einheiten spiegelt die zunehmende Professionalisierung des Marktes wider.
Als weitere dämpfende Faktoren nennt Knuth ausbleibende Strompreissteigerungen als Kaufmotiv, politische Unsicherheiten hinsichtlich der anstehenden EEG-Reform sowie das traditionell schwache erste Quartal mit Witterungseinflüssen .
3. Batteriespeicher: Das dynamischste Marktsegment
Während der Photovoltaik-Markt insgesamt an Dynamik verloren hat, entwickelt sich der Speichermarkt weiterhin äußerst positiv. Nahezu keine neue Photovoltaik-Anlage wird 2026 noch ohne Batteriespeicher verkauft . Die Speicherquote bleibt auf hohem Niveau.
Besonders bemerkenswert: Viele Bestandskunden rüsten ältere Anlagen nach. „Mittlerweile rüsten viele nach“, bestätigt Knuth diesen Trend . Dies unterstreicht die wachsende Erkenntnis, dass sich die Kombination von Erzeugung und Speicherung wirtschaftlich auszahlt.
Die technologische Entwicklung bei Batteriespeichern schreitet rasant voran. Huawei prognostiziert in seinen „Top 10 Trends für Smart PV & ESS 2026“ eine deutliche Steigerung der Leistungsdichte von Wechselrichtern und Speichersystemen um über 40 Prozent in den kommenden Jahren . Gleichzeitig wird die Integration von Künstlicher Intelligenz voranschreiten – von KI-unterstützten hin zu KI-nativen Lösungen, bei denen künstliche Intelligenz bereits in Design, Nutzungserfahrung und Betrieb eingebettet ist .
4. Technologische Trends: Perowskit, KI und Hochvolt-Systeme
Die technologische Entwicklung schreitet 2026 rasant voran. Perowskit-Tandemsolarzellen erreichen im Labor bereits Wirkungsgrade von über 30 Prozent und gelten als die vielversprechendste Zukunftstechnologie . In den offiziellen Marktprognosen tauchen sie allerdings noch nicht auf – die Technologie steht noch vor der großflächigen Marktreife .
Bifaziale Module mit Trackern steigern den Energieertrag um 20 bis 25 Prozent und werden zunehmend bei großen Freiflächenanlagen eingesetzt . Hochvolt-Systeme gewinnen an Bedeutung: Eine verbesserte Spannungsfestigkeit relevanter Komponenten und Isoliermaterialien beschleunigt den Wandel hin zu Hochspannungsarchitekturen .
5. Sektorenkopplung als neues Paradigma
Wärmepumpe als PV-Treiber
Ein bedeutender Trend des Jahres 2026 ist die zunehmende Kopplung von Photovoltaik mit Wärmepumpen. Ähnlich wie 2014 der Stromspeicher den Markt belebte, übernimmt heute die Wärmepumpe diese Rolle . Wer ein älteres Haus besitzt und eine Öl- oder Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt, entscheidet sich fast immer auch für eine PV-Anlage.
Der Absatz von Wärmepumpen hat sich 2025 spürbar erholt – mit einem Plus von 55 Prozent . Dadurch steigt der Strombedarf im Gebäude, und die Substitution von teurem Netzstrom durch günstigen Solarstrom für den Wärmepumpenbetrieb wird zum effektivsten Hebel zur Senkung der Nebenkosten.
Bidirektionales Laden wird Realität
2026 werden Elektroautos rechtlich als Speicher anerkannt, Netzentgelte beim Laden und Rückspeisen entfallen . Damit wird bidirektionales Laden endlich möglich und wirtschaftlich attraktiv. Rund 25 Prozent der neu installierten Solarsysteme werden bereits mit Wallboxen kombiniert – eine Quote, die den Trend zur Sektorenkopplung unterstreicht .
Energy-Sharing kommt nach Deutschland
Ab Mitte 2026 wird Energy-Sharing in Deutschland eingeführt – eine direkte Folge einer EU-Richtlinie . Wer überschüssigen Solarstrom produziert, kann ihn künftig mit Nachbarn teilen, zu selbst bestimmten Preisen. Für innovative Betriebe entstehen dadurch neue Geschäftsmodelle – etwa in Quartierslösungen, Mehrparteienhäusern oder bei gemeinschaftlichen Speichern.
6. Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern: Neue Chancen
Lange Zeit galt Photovoltaik auf Mietshäusern als Liebhaberprojekt – ökologisch sinnvoll, aber ökonomisch und bürokratisch herausfordernd. Diese Bewertung ist 2026 nicht mehr haltbar . Die Kombination aus ausgereiften Technologien, gesunkenen Kosten für Solaranlagen und steigendem Elektrifizierungsgrad schafft ein neues Investitionsklima.
Die Herausforderung liegt jedoch in der Administration: Sowohl das klassische Mieterstrommodell als auch die „Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung“ setzen oft aufwändige Messkonzepte voraus . Lösungsansätze wie die physische Verteilung des erzeugten Stroms im Haus gewinnen daher an Bedeutung. Sie reduzieren die Bürokratie erheblich und senken die Betriebskosten.
7. Wirtschaftlichkeit: Lohnt sich Photovoltaik 2026?
Trotz politischer Unsicherheiten bleibt Photovoltaik 2026 eine wirtschaftlich attraktive Investition. Die durchschnittliche Amortisationszeit liegt je nach Anlagengröße und Eigenverbrauchsanteil zwischen 8 und 12 Jahren . Bei einer Lebensdauer von über 25 Jahren bedeutet dies eine lange Phase des günstigen oder sogar kostenlosen Stroms.
Ohne Speicher liegt der Eigenverbrauchsanteil typischerweise bei etwa 30 Prozent. Mit einer modernen Speicherlösung steigt dieser Wert auf 60 Prozent und mehr . Die Stromgestehungskosten bleiben der zentrale Indikator für die Wirtschaftlichkeit. Für eine durchschnittliche Residential-Anlage liegen sie 2026 zwischen 13 und 19 Cent pro Kilowattstunde – deutlich unter den aktuellen Bezugspreisen von etwa 25 Cent.
8. Politische Rahmenbedingungen im Umbruch
Das Ende der klassischen EEG-Einspeisevergütung
Die wohl bedeutendste Veränderung für private Anlagenbetreiber steht bevor: Die klassische EEG-Einspeisevergütung für Neuanlagen soll abgeschafft werden . Die Bundesregierung plant eine grundlegende EEG-Reform mit der Einführung von Contracts for Difference (CfD). Bei diesem Modell handeln Betreiber künftig Preisbänder mit Direktvermarktern aus.
Fachleute erwarten für 2026 einen spürbaren Vorzieheffekt nach dem Motto: „Lieber jetzt noch schnell eine Anlage mit der klassischen, einfachen Einspeisevergütung“ .
Steigende Preise ab April 2026
Eine wichtige Entwicklung zeichnet sich ab dem 1. April 2026 ab: Die chinesische Regierung wird die Mehrwertsteuer-Exportvergünstigungen für zentrale Produkte der Solarindustrie vollständig streichen . Betroffen sind Wafer, Solarzellen, Module und Wechselrichter. Die Branche rechnet mit spürbaren Preissteigerungen im Laufe des Jahres 2026 – eine Zäsur nach jahrelang fallenden Modulpreisen.
9. Strategische Neuausrichtung: Vom Volumen- zum Wertwettbewerb
Die chinesische Photovoltaik-Industrie hat auf ihrer Jahreskonferenz im Februar 2026 eine bemerkenswerte Neuausrichtung formuliert: „Das Entwicklungskonzept und die Entwicklungslogik der chinesischen Photovoltaik-Industrie müssen sich im 15. Fünfjahreszeitraum grundlegend wandeln – vom Größenvergleich und Preiskampf hin zum Wertwettbewerb“ .
Diese Analyse lässt sich auf den gesamten globalen Markt übertragen. Gefragt sind stattdessen Systemintegration, Wertschöpfung durch Dienstleistungen sowie Qualität und Langlebigkeit statt reiner Kostenoptimierung.
Für Unternehmen bedeutet dies: Die Fähigkeit, ganzheitliche Energielösungen anzubieten, wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Für Kunden bedeutet es: Die Wahl des richtigen Partners wird wichtiger denn je. Peter Knuth rät: „Genau hinschauen. Ist der Anbieter auf dem neuesten Stand der Technik? Kennt er sich mit der Thematik aus oder wirft er nur mit Buzzwords um sich?“ .
Fazit: Photovoltaik bleibt eine gute Wahl
Trotz politischer Unsicherheiten, nachlassender Wachstumsdynamik und globaler Marktverschiebungen bleibt Photovoltaik 2026 eine wirtschaftlich sinnvolle und ökologisch notwendige Investition. Die Technologie ist ausgereift, die Kosten sind auf einem historisch niedrigen Niveau, und die Kombination mit Speichern, Wärmepumpen und Elektromobilität eröffnet neue Möglichkeiten der Energieunabhängigkeit.
Wer heute in Photovoltaik investiert, profitiert von sinkenden Modulpreisen (zumindest noch bis April 2026), steigenden Eigenverbrauchsanteilen durch intelligente Speicherlösungen, zunehmender Unabhängigkeit von künftigen Strompreisentwicklungen und aktivem Klimaschutz mit messbarem Effekt.
Die aktuellen Marktveränderungen sind nicht als Krisenzeichen zu interpretieren, sondern als Ausdruck einer gesunden Marktentwicklung nach Jahren des Ausnahmewachstums. Für alle, die über eine Investition nachdenken, gilt der Rat von Peter Knuth: „Keine Angst vor der Zukunft haben und lieber jetzt investieren, als später bereuen“